Studieren ohne Matura ist in Österreich möglich. Und zwar nicht über Umwege oder Schlupflöcher, sondern über offiziell anerkannte Zugangswege. Trotzdem wissen viele Berufstätige nicht, welche Optionen es gibt. Das Ergebnis: verlorene Zeit, weil der Studienstart unnötig aufgeschoben wird.
In Österreich führen drei Wege an die Hochschule, wenn du keine Matura hast. Dazu kommt eine vierte Option, die viele übersehen. Jeder Weg hat eigene Voraussetzungen, einen anderen Aufwand und passt zu unterschiedlichen Zielen.
Berechtigung oder Zulassung: der Unterschied, der Pläne kippt
Bevor wir zu den Wegen kommen, die wichtigste Unterscheidung. Sie klingt nach Wortklauberei und entscheidet in der Praxis darüber, ob dein Plan trägt.
Eine Berechtigung ist ein Nachweis, den du besitzt. Er sagt: Du darfst studieren. Die Berufsreifeprüfung liefert eine allgemeine Berechtigung, die überall in Österreich gilt, unbefristet und unabhängig davon, wo du dich bewirbst. Die Studienberechtigungsprüfung liefert eine eingeschränkte Berechtigung, die nur für eine Studienrichtungsgruppe gilt.
Eine Zulassung ist dagegen eine Entscheidung der Hochschule. Sie sagt: Wir nehmen dich, für dieses Programm, in diesem Semester. Ein direkter FH-Zugang über die Meisterprüfung ist genau das. Er ist keine Hochschulreife. Wechselst du die Fachhochschule oder das Programm, wird alles neu geprüft, und die nächste Hochschule kann anders entscheiden.
Warum das teuer werden kann: Wer über eine Zulassung startet und im dritten Semester wechseln will oder muss, steht ohne Berechtigung da. Wer über die BRP startet, nimmt seine Berechtigung überallhin mit. Das ist kein Argument gegen den schnellen Weg, aber es gehört in die Entscheidung.
Weg 1: Die Studienberechtigungsprüfung (SBP)
Die Studienberechtigungsprüfung ist der gezielteste Weg zum Studium ohne Matura. Du legst fünf Prüfungen ab, die auf eine bestimmte Studienrichtungsgruppe zugeschnitten sind. Nach bestandener SBP darfst du genau diese Richtung studieren.
So funktioniert es:
- Voraussetzung: Mindestalter 20 Jahre und eine einschlägige berufliche Vorbildung (Lehre, BMS oder mehrjährige Berufserfahrung)
- Umfang: 5 Prüfungen. Eine Pflichtprüfung (Aufsatz) plus vier fachbezogene Prüfungen, abhängig von der gewünschten Studienrichtung
- Dauer: 6 bis 18 Monate, je nach Vorbereitung und Prüfungstempo
- Kosten: Vorbereitungskurse kosten zwischen 500 und 2.000 Euro, die Prüfungen selbst sind an Universitäten in der Regel kostenlos
- Geltung: Berechtigt zum Studium in der gewählten Studienrichtungsgruppe
Der Vorteil: Du bereitest dich gezielt auf dein Studienfach vor und sparst Zeit. Der Nachteil: Die SBP gilt nur für eine Studienrichtungsgruppe. Wenn du dich später umentscheidest, brauchst du Zusatzprüfungen oder wechselst auf die Berufsreifeprüfung.
Weg 2: Die Berufsreifeprüfung (BRP)
Die Berufsreifeprüfung ist das österreichische Pendant zum Abitur nachholen. Sie ist breiter angelegt als die SBP und berechtigt zum Studieren ohne Matura an allen österreichischen Hochschulen, unabhängig von der Fachrichtung.
Die vier Prüfungsfächer:
- Deutsch: Textverständnis und Aufsatz
- Mathematik: Stoff der AHS-Oberstufe
- Lebende Fremdsprache: In der Regel Englisch auf B2-Niveau
- Fachbereich: Abhängig von deiner beruflichen Vorbildung
Rahmenbedingungen:
- Voraussetzung: Abgeschlossene Lehre, BMS, Krankenpflegeschule oder vergleichbare Ausbildung
- Dauer: 1,5 bis 3 Jahre, abhängig vom Kursmodell und deinem Lerntempo
- Kosten: Vorbereitungskurse kosten 3.000 bis 5.000 Euro. In vielen Bundesländern gibt es Förderungen, etwa über die Arbeiterkammer, das AMS oder Länderstipendien
- Geltung: Allgemeine Hochschulreife. Du kannst damit jedes Studium in Österreich beginnen
Die BRP ist der beste Weg, wenn du dir maximale Flexibilität bei der Studienwahl offenhalten willst. Der Aufwand ist höher als bei der SBP, aber das Ergebnis ist eine vollwertige Matura.
Gut zu wissen
In Österreich ist die Berufsreifeprüfung im Rahmen von „Lehre mit Matura" für Lehrlinge komplett kostenlos. Auch für Berufstätige gibt es Förderungen: Angebote der Arbeiterkammer, des AMS und der Bundesländer decken oft einen Grossteil der Kosten ab. Erkundige dich vor der Kursanmeldung, nicht danach, denn viele Förderungen werden nur im Voraus bewilligt.
Weg 3: Berufliche Qualifikation (direkter FH-Zugang)
Der dritte Weg ist der schnellste: Mit bestimmten beruflichen Qualifikationen kannst du direkt an Fachhochschulen zugelassen werden. Ohne Reifeprüfung, ohne Vorbereitungsjahr.
Qualifikationen, die zum direkten FH-Zugang berechtigen können:
- Meisterprüfung
- Werkmeisterprüfung
- Befähigungsprüfung
- Land- und forstwirtschaftliche Facharbeiterprüfung (je nach FH)
Die FH entscheidet im Einzelfall. Oft musst du ein Aufnahmegespräch oder einen Test absolvieren, manchmal auch Zusatzprüfungen in einzelnen Fächern nachholen, aber keine vollständige Reifeprüfung. Dieser Weg eignet sich besonders für Handwerker, Techniker und Fachkräfte, die sich akademisch weiterqualifizieren wollen. Denk dabei an die Unterscheidung oben: Das ist eine Zulassung, keine Berechtigung.
Weg 4: Deutsche Fernhochschulen, der übersehene Weg
Viele deutsche Fernhochschulen lassen österreichische Bewerber ohne Matura zu, wenn sie eine abgeschlossene Lehre plus mehrjährige Berufserfahrung mitbringen. Damit umgehst du SBP und BRP komplett und startest sofort in den berufsbegleitenden Bachelor.
Zwei Dinge musst du dabei wissen. Erstens richtet sich die Zulassung nach dem Hochschulrecht des jeweiligen deutschen Bundeslandes, nicht nach österreichischem Recht. Die Regeln unterscheiden sich also von Hochschule zu Hochschule. Zweitens verlangen viele Programme eine fachliche Nähe zwischen deiner Ausbildung und dem Studiengang, manche zusätzlich ein Probestudium oder eine Eignungsprüfung. Lass dir die Zulassung deshalb schriftlich bestätigen, bevor du Gebühren zahlst.
Der Abschluss ist ein regulärer deutscher Bachelor und im europäischen Hochschulraum in der Regel anerkennungsfähig. Für reglementierte Berufe in Österreich gelten eigene Verfahren, die unabhängig vom Studienort zu prüfen sind.
Die vier Wege im Vergleich, und was der längere wirklich kostet
| Weg | Vorlaufzeit | Zusatzkosten vor dem Studium | Wofür es gilt |
|---|---|---|---|
| Studienberechtigungsprüfung | 6 bis 18 Monate | 500 bis 2.000 Euro | eine Studienrichtungsgruppe in Österreich |
| Berufsreifeprüfung | 1,5 bis 3 Jahre | 3.000 bis 5.000 Euro, oft gefördert | jedes Studium in Österreich, unbefristet |
| Berufliche Qualifikation (FH) | keine, plus Aufnahmeverfahren | gering, je nach Zusatzprüfungen | ein Programm an einer bestimmten FH |
| Deutsche Fernhochschule | keine | keine | ein Programm an dieser Hochschule |
Vergleiche dabei nicht nur die Kursgebühren, sondern die Gesamtzeit bis zum Abschluss. Eine Rechnung mit Zwischenschritten:
Nimm einen berufsbegleitenden Bachelor mit einer realistischen Dauer von 4 Jahren. Gehst du zuerst über die Berufsreifeprüfung, kommen 2 Jahre Vorlauf dazu. Bis zum Abschluss vergehen also 6 Jahre statt 4. Dazu 3.000 bis 5.000 Euro Kursgebühren für die BRP, die du beim Direktzugang gar nicht ausgibst.
Und jetzt die andere Seite der Rechnung: Wer über die BRP geht, hat danach eine Berechtigung, die für jedes Studium in Österreich gilt, lebenslang. Wer über die Zulassung startet, ist an dieses Programm gebunden. Ein Wechsel im dritten Semester bedeutet, wieder von vorn zu prüfen, ob eine andere Hochschule dich nimmt.
Meine Erfahrung aus der Beratung: Wer sein Fach sicher kennt und schnell fertig werden will, fährt mit dem Direktzugang deutlich besser. Wer noch schwankt, jung ist oder später auch ein Studium an einer österreichischen Universität nicht ausschliessen will, sollte die BRP ernsthaft prüfen. Beides ist richtig, aber nicht für dieselbe Person.
Zwei Jahre Vorlauf sind zwei Jahre späterer Abschluss. Das ist der eigentliche Preis, nicht die Kursgebühr.
Was du selbst klären kannst, und wo ich helfe
Diese Punkte kannst du vor der Entscheidung ohne fremde Hilfe abarbeiten:
- Steht dein Studienfach fest, oder kann es sich in den nächsten zwei Jahren noch ändern?
- Für welche Studienrichtungsgruppe würde deine SBP gelten, und wo legst du die Prüfungen ab?
- Welche Förderungen gibt es in deinem Bundesland, und muss der Antrag vor Kursbeginn gestellt werden?
- Lässt dich deine Wunschhochschule mit Lehre plus Berufserfahrung direkt zu? Schriftlich nachfragen.
- Wie viel deiner Berufserfahrung liesse sich auf das Studium anrechnen? Der Anrechnungscheck gibt dir in wenigen Minuten eine erste Einschätzung, und angerechnete Module verkürzen den Weg oft stärker als jede Abkürzung beim Zugang.
- Brauchst du für deinen Zielberuf eine bestimmte Form der Anerkennung, etwa bei reglementierten Berufen?
Welcher der vier Wege am Ende der richtige ist, hängt an deinem Fach, deiner Vorbildung und daran, wie schnell du fertig sein willst. In einem kostenlosen Erstgespräch schaue ich mir deine Ausbildung und deine Berufserfahrung an und sage dir, ob du für den Direktzugang in Frage kommst oder ob sich die BRP für dich lohnt. Wie die Zugangswege im gesamten DACH-Raum aussehen, zeigt die Übersicht Studieren ohne Abitur. Welche Programme in Österreich überhaupt zur Auswahl stehen, steht im Beitrag zum Fernstudium in Österreich.
Fazit
Studieren ohne Matura in Österreich ist kein Sonderfall, sondern ein regulärer Bildungsweg. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Berechtigung und Zulassung: Die Berufsreifeprüfung gibt dir eine Berechtigung, die überall und dauerhaft gilt, kostet dafür aber ein bis drei Jahre Vorlauf. Der direkte Zugang über die Meisterprüfung oder über eine deutsche Fernhochschule bringt dich sofort ins Studium, bindet dich aber an Hochschule und Programm. Rechne beide Wege in Jahren bis zum Abschluss durch, nicht in Kursgebühren. Wenn du unsicher bist, welcher Zugangsweg für dich am sinnvollsten ist, buche ein kostenloses Erstgespräch. Ich kläre deine Optionen in 30 Minuten.
Häufige Fragen
Kann ich in Österreich ohne Matura studieren?
Ja, über drei offiziell anerkannte Wege: die Studienberechtigungsprüfung, die Berufsreifeprüfung oder eine berufliche Qualifikation wie die Meisterprüfung. Jeder Weg hat eigene Voraussetzungen, eine andere Vorlaufzeit und passt zu unterschiedlichen Zielen. Dazu kommt eine vierte Option, die viele übersehen: deutsche Fernhochschulen lassen österreichische Bewerber häufig mit Lehre plus Berufserfahrung direkt zu.
Was ist der Unterschied zwischen SBP und BRP?
Die Studienberechtigungsprüfung ist auf eine Studienrichtungsgruppe zugeschnitten, schneller und günstiger. Die Berufsreifeprüfung gibt volle Hochschulreife für jedes Studium in Österreich, dauert aber länger und kostet mehr. Wer sein Fach sicher kennt, fährt mit der SBP besser. Wer sich alle Optionen offenhalten oder später vielleicht doch an einer Universität studieren will, sollte die BRP wählen.
Wie lange dauert die Berufsreifeprüfung?
In der Regel 1,5 bis 3 Jahre, abhängig vom Kursmodell und deinem Lerntempo. In vielen Bundesländern gibt es Förderungen, und für Lehrlinge übernimmt der Staat über Lehre mit Matura die gesamten Kosten. Rechne die Zeit ehrlich mit ein: Zwei Jahre Vorlauf bedeuten, dass du deinen Bachelor zwei Jahre später in der Hand hältst.
Was ist der Unterschied zwischen Berechtigung und Zulassung?
Die Berechtigung sagt, dass du studieren darfst. Die Zulassung sagt, dass diese eine Hochschule dich für dieses eine Programm nimmt. Die BRP gibt dir eine allgemeine Berechtigung, ein direkter FH-Zugang über die Meisterprüfung dagegen nur eine Zulassung, die an Hochschule und Programm hängt und beim Wechsel neu geprüft wird.
Kann ich ohne Matura an einer deutschen Fernhochschule studieren?
Oft ja. Viele deutsche Fernhochschulen lassen österreichische Bewerber mit abgeschlossener Lehre plus Berufserfahrung direkt zum berufsbegleitenden Bachelor zu. Massgeblich ist dann das Hochschulrecht des jeweiligen deutschen Bundeslandes, nicht die österreichische Regelung. Lass dir die Zulassung vor der Anmeldung schriftlich bestätigen.
Die Aussagen auf dieser Seite sind allgemein gehalten und basieren auf meiner Beratungspraxis (Stand 31.07.2026). Sie ersetzen keine offizielle Anrechnungs- oder Anerkennungs-Entscheidung der jeweiligen Hochschule und sind kein Rechtsrat. Konkrete Entscheidungen treffen die Hochschulen, die ZAB (DE), das BMBWF (AT) oder das SBFI (CH) individuell. Vor verbindlichen Schritten kläre ich das mit dir im Erstgespräch.
